Formen und Grade der Inkontinenz

Unter Blasenschwäche oder Inkontinenz wird der teilweise bis hinzu vollständige Kontrollverlust über die Abgabe von Harn und/oder Stuhl verstanden. Die Ursachen können sehr vielfältiger Art sein:

1. Dranginkontinenz

Bei der Dranginkontinenz liegt eine Funktionsstörung bei der Signalübertragung zwischen Blase und Gehirn bzw. Rückenmark vor. Aufgrund dieser Funktionsstörung wird schon bei geringer Blasenfüllung das Signal gesendet, dass die Blase voll ist. In dem Fall kommt es zu einer unkontrollierten, schwallartigen Blasenentleerung, wobei Betroffene es auch nicht mehr rechtzeitig zur Toilette schaffen.
 

Mögliche Ursachen können sein:

  • Diabetes Mellitus
    Wird Diabetes nicht ausreichend behandelt, können Giftstoffe, die durch den erhöhten Zuckerspiegel entstehen, sich auf das Nervensystem auswirken.
  • Operation
    Wenn bei Operationen Nervenschäden oder Reizungen auftreten, kann auch diese eine Dranginkontinenz auslösen.
  • Neurologische Erkrankungen
    Auch neurologische Grunderkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Folgen von Schlaganfällen oder Hirntumoren können Ursache einer Dranginkontinenz sein.
  • Blasenreizungen
    Blasenentzündungen (sogenannte Harnwegsinfekte) oder Harnsteine sind weitere mögliche Auslöser.

2. Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz

Bei der Belastungsinkontinenz (auch Stressinkontinenz genannt) liegt eine Schädigung bzw. Schwächung des Verschlussmechanismus zwischen Blasenhals und Harnröhre vor. Sie ist die am häufigsten vorkommende Form der Blasenschwäche / Inkontinenz und tritt bei ca. 80% aller betroffenen Frauen auf. Durch die Schwächung des Beckenbodenmuskels oder umliegenden Gewebes wird der Harnblasenverschluss so geschwächt, dass bei plötzlicher bzw. gesteigerter Druckbelastung (z.B. durch Niesen, Husten, Tragen von Gewichten oder andere körperliche Aktivitäten) unkontrollierten Harnabgang erfolgt. 
 
Besonders häufig sind Frauen betroffen, da sie im Vergleich zu Männern ein breiteres Becken und eine schwächerer Beckenbodenmuskulatur haben. So kann durch die erhöhte Belastung des Beckenbodens insbesondere in den letzten Schwangerschaftsmonaten und nach der Entbindung eine Belastungsinkontinenz auftreten. Die Therapiechancen sind jedoch bei dieser Inkontinenzform als positiv einzuschätzen – Maßnahmen reichen hier von gezielten Beckenbodentraining bis hin zu chirurgischen Eingriffen.
 
Bei Männern tritt diese Inkontinenzform eher selten auf. Typischerweise ist sie zum Beispiel nach Prostata Operationen zu beobachten wenn der Schließmuskel während der OP verletzt wird. 
 

Bei der Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz werden vier Grade unterschieden:

  • Grad 1: unwillkürlicher Harnverlust bei heftiger Drucksteigerung im Bauchbereich (z. B. durch Husten, Lachen, Niesen oder schwere körperliche Belastung)
     
  • Grad 2: unwillkürlicher Harnverlust bei mittelstarker Drucksteigerung im Bauchbereich (z. B. durch Treppensteigen oder Laufen)
     
  • Grad 3: unwillkürlicher Harnverlust bei geringer Drucksteigerung im Bauchbereich oder im Liegen
     
  • Grad 4: unwillkürlicher Harnverlust, Harnstrahl kann nicht willentlich unterbrochen werden

3. Überlaufinkontinenz

Die Überlaufinkontinenz ist durch Harnträufeln ohne spürbaren Harndrang gekennzeichnet – die Blase „läuft quasi über“.

Sie ist die häufigste Inkontinenzform bei Männern und beruht im Wesentlichen auf zwei Ursachen:

  • verengter Blasenausgang
    Der Blasenausgang wird bei dieser Inkontinenzform durch ein Hindernis verengt oder sogar blockiert. Selbst bei höherem Druck kann der Blasenmuskel das Hindernis nicht überwinden. Durch den anhaltenden höheren Druck wird der Blasenmuskel schleichend überdehnt. Die Ursachen sind vielfältiger Art. Bei Frauen führen typischerweise entweder das Absenken der Gebärmutter oder operative Eingriffe zu einer Überlaufinkontinenz. Bei Männern führen gutartige Vergrößerungen der Prostata, welche auf die Harnröhre drückt, häufig zu einer Überlaufinkontinenz. Aber auch Bandscheibenvorfälle, bösartige Tumore in Organen in Unterleibsorganen, der Harnröhre oder der Harnblase können zu diese Inkontinenzform auslösen.

    Therapiert wird diese Form der Inkontinenz in der Regel durch operative Eingriffe, bei denen das Hindernis beseitigt wird, sodass der normale Urinfluss wiederhergestellt wird.

  • schwacher Blasenmuskel
    Bei dieser Inkontinenzform ist der Blasenmuskel nicht stark genug, um die Blase in der Entleerungsphase vollständig zu entleeren. Dies kann nicht zuletzt Folge der Einnahme von Medikamenten oder neurologischer Erkrankungen sein, die die Funktion des Blasenmuskels einschränken. Dadurch füllt sich die Blase bis sie überläuft.

    Bei dieser Inkontinenzform kommen typischerweise Katheter zum Einsatz, die den Urin ablassen. Alternativ beziehungsweise begleitend kann der Blasenmuskel mit Elektrostimulation oder Medikamenten aktiviert werden. Sollten diese Therapieformen keine Wirkung zeigen, kann eine Operation indiziert sein.

4. Reflexinkontinenz

Hier liegt eine Störung der Übertragung der Nervenimpulse aus dem Gehirn oder Rückenmark zur Muskulatur der Harnblase vor. Dies hat zur Folge, dass sich die Harnmuskulatur ungehemmt kontrahiert – es kommt zu unkontrolliertem, reflexartigem Harnabgang. 

Es wird zwischen zwei Ursachen unterschieden:

  • spinale Reflexinkontinenz
    Spinal bedeutet so viel wie „das Rückenmark betreffend“. Bei der spinalen Reflexinkontinenz ist die Impulsübertragung zwischen Gehirn und Blase durch eine Störung im Rückenmark unterbrochen. Der Betroffene spürt den Füllstand der Blase nicht und hat keine Möglichkeit, die Blase willentlich zu entleeren. Ursachen hierfür sind zum Beispiel eine Querschnittslähmung oder auch Bandscheibenvorfälle.
     
  • supraspinale Reflexinkontinenz
    Bei der supraspinalen Reflexinkontinenz liegt die Funktionsstörung oberhalb (supra) des Rückenmarks – also im Gehirn. Die Impulse, die aus der Blase über das Rückenmark an das Gehirn gemeldet werden, können hier nicht verarbeitet werden. Es erfolgt aus keine Rückkopplung. Das Gehirn kann die Blasenentleerung nicht mehr steuern. Ursachen hier sind schwere Störungen der Gehirnfunktion, hervorgerufen beispielsweise durch Schlaganfälle, Hirnblutungen oder durch abgestorbene Hirnareale im Verlaufe nach erfolgreichen Wiederbelebungen.

    Die Behandlung beider Varianten der Reflexinkontinenz erfolgt nach Möglichkeit durch Einmalkatheterisierung, wenn/da diese auch vom Betroffenen selbst durchgeführt werden kann. Da Betroffene mit einer Querschnittslähmung dazu häufig nicht in der Lage sind, kommt bei diesen eine Dauerkatheterisierung (auch suprapubischer Katheter genannt; supra=oberhalb, pubis=Schambein) zum Einsatz.